Das Schweißtuch der Veronika – Das Wahre Antlitz Christi?

Graphik_VeraIconDas Schweißtuch der Veronika ist eine der geheimnisvollsten Reliquien des christlichen Abendlandes, soll es doch das Wahre Antlitz Christi – die Vera Icon (lateinisch Wahres Bildnis) – bezeugen. Den Leidenswerkzeugen zugeordnet ist es unmittelbar mit dem Passionsgeschehen und der heiligen Veronika als Zeitzeugin Christi verknüpft. Wie aber kommt es, dass sich eine Reproduktion des Tuches in Rottenburg findet?

Christliche Quellen ordnen Veronika meist dem Umkreis Jesu zu und erkennen sie als klagende Frau am Weg nach Golgatha. Hier, so erzählt das apokryphe Nikodemusevangelium, habe sie Christus ein Tuch gereicht, damit er sich das Gesicht von Schweiß und Blut trockne. Als er es zurückgab, sei darauf sein Angesicht erschienen. Noch zu Lebzeiten Veronikas soll es als Schweißtuch Wunder gewirkt haben, bevor es vermutlich um 700 den Reliquien Sankt Peters in Rom beigefügt wurde.

Über die Jahrhunderte ranken sich zahlreiche Legenden um das Christusbild, das auch als Acheiropoieton (griechisch nicht von Menschen[-hand] gemacht) bezeichnet wird. Eine besondere Verehrung des Schweißtuches ist seit dem 12. Jahrhundert in Rom nachweisbar. Wie viele andere Reliquien wurde es dort zu besonderen Anlässen der Öffentlichkeit präsentiert und als Motiv in den bildenden Künsten aufgegriffen. Ursprünglich mit Nimbus und geöffnetem Blick dargestellt, wandelt es sich ab der Zeit um 1400 zum Bild des leidenden Christus, zumeist mit Dornenkrone.

Ein schönes Beispiel aus dem Bereich der Grafik ist ein Stahlstich auf gestärktem Leinen, wie er sich aus jüngerer Zeit in Sankt Moriz in Rottenburg erhalten hat. Zwischen 1849 und 1870 von Pasquale Proia in Rom gestochen, zeigt es den leidenden Christus mit niedergeschlagenen Augen. Deutlich sind blutende Wunden auf Stirn und Wangen zu erkennen. Tränen fließen aus den Augen. Der Titel benennt die Darstellung explizit als wahrhaftige Darstellung des Heiligen Tuches, wie es sich in St. Peter im Vatikan befinde. Eine Besonderheit sind dabei das päpstliche Siegel am unteren Rand der Grafik und der zugehörige Stempel. Sie weisen das Bildnis als mittelbare Berührungsreliquie mit besonderem Wert aus, die dem Original vor Ort aufgelegt worden war.

Vermutlich wurde die Graphik unter Pius IX. beglaubigt, unter dessen Pontifikat sich 1849 ein besonderes Ereignis – ein Wunder – zugetragen haben soll: Bei einer Präsentation des Heiligen Tuches in St. Peter habe das Antlitz Christi sanft zu leuchten begonnen. In der Folge wurden zahlreiche Reproduktionen des Bildnisses gefertigt und als besiegelte Veronikatücher nach ganz Europa ausgegeben. Möglich ist ferner, dass der Stahlstich unter Karl Joseph Hefele nach Rottenburg fand, der 1869 zum örtlichen Bischof ernannt und bereits 1868 zur Vorbereitung des 1. Vatikanischen Konzils nach Rom berufen wurde. Historische Fakten zum Erhalt des Bildes sind nicht belegt, und auch das päpstliche Siegel der Grafik kann aufgrund des Alters nicht zweifelsfrei identifiziert werden. Dennoch fasziniert das gedruckte Porträt bis heute. Das Original soll seit dem 17. Jahrhundert in der Vierung von Sankt Peter unter der Marmorstatue der Veronika verwahrt sein. Auch wenn die Vera Icon seit vielen Jahren nicht mehr öffentlich vorgestellt wurde, vermittelt die Rottenburger Grafik doch eine Idee des Tuches, wie es sich 1849 in Rom gezeigt haben mag.

Christine Bozler

INFO – Kreuzweg
Die Entstehungsgeschichte des Schweißtuchs der Veronika können Gläubige bis heute in der sechsten Kreuzwegstation betrachten.