Die Beichtstuhlfensterwand von Joachim Sauter in der Kirche St. Briccius in Wurmlingen: Der barmherzige Vater

Beim Verlassen der Kirche kündet die Glasmalerei vom Barmherzigen Vater von der Barmherzigkeitsfülle des Beichtraumes.

In der Wurmlinger Pfarrkirche St. Briccius schmiegen sich nicht wie gewohnt die Beichtstühle an die Kirchenwände, statt ihrer steht exponiert unter der Orgelempore ein würfelförmiger Quader, in sich einen Beichtraum bergend. Seine Außenwände sind an drei Seiten mit Holz vertäfelt, die zum Altar hin orientierte vierte Wand besteht aus einem bildlich gestalteten Glasfenster. Die beigefügte Bildunterschrift lautet: „Der barmherzige Vater“.

Ungewöhnlich ist dieser Titel. Denn in der Regel wird das zugrundeliegende biblische Gleichnis unter dem Begriff des verlorenen Sohnes subsummiert. Das Schicksal des Sohnes vom Einfordern des Erbes, dem Verschwenden desselben, seinem armseligen Dasein bis zur Rückkehr und der Wiederaufnahme durch den Vater ist Thema vieler künstlerischer Darstellungen. Hier jedoch ist der Vater die Hauptperson:

Umgeben von einer roten Farbfläche steht er in einem vom zeitgenössischen Lifestyle geprägten Ambiente an einer bodentiefen Fensterfront und schaut, vom Betrachter halb abgewendet, suchend über eine breite Wasserfläche hinweg zu den Lichtern einer fernen Stadt am jenseitigen Ufer. Blickt er seinem Sohn nach und weicht er angesichts dessen Prasserei zurück, wie es seine rechte Körperseite andeutet? Oder/und deutet sich in seiner leicht angehobenen linken Hand seine Versöhnungsbereitschaft an?

Es ist ein stilles, einsames Ausschauhalten, ruhig und geduldig. Dieser ferne, durch ein trennendes Gewässer unerreichbare Ort ist Zeichen für die Distanz des Sohnes zum Vater. Vermag der Vater sich vorzustellen, wie es seinem Sohn ergeht?

Das völlig gegensätzliche Leben in der Ferne wird illustriert durch zwei, gleichsam wie Zwischenblenden vorgeschobene senkrechte Felder, die in fahles gelb getaucht sind. Links mit der Ansicht eines belebten freizügigen Bordells und rechts ein Hinterhof, wo ein heruntergekommener Obdachloser mit der Flasche in der Hand einsam an einer Mülltonne lehnt.

Die Darstellung hat einen unmittelbaren Bezug zum Geschehen im Beichtraum, der konsequent auch „Raum der Versöhnung“ genannt wird. Der Vater im Gleichnis verweist im Zusammenhang mit dem Beichtsakrament nicht allein auf Gottes Barmherzigkeit als bloßen Akt der Lossprechung, vielmehr führt er vor Augen, dass väterliche Barmherzigkeit eine so grundlegende und wesenhafte Haltung ist , dass diese auch widrigen Umständen standhält.

Diese Barmherzigkeit kommt weiter im Inneren des Beichtraumes zum Ausdruck. Der geschlossene Raum öffnet sich zum Altarraum hin. Das durch das Glasmalereifenster einfallende Licht sorgt für helle Freundlichkeit. Der Raum ist nicht nur real, sondern auch im übertragenen Sinne licht und die wechselnden Lichtverhältnisse tauchen ihn ähnlich wie die farbigen Fenster gotischer Kirchen in immer neue und sich ändernde Sphären.

Den wechselnden Eindrücken innen als auch außen – dort vor allem aufgrund unterschiedlicher Reflexe und Spiegelungen – entspricht die offen angelegte Darstellung des wartenden barmherzigen Vaters, welche verschiedene Wahrnehmungen und Interpretationen ermöglicht.

Den klaren und Schutz bietenden Raum der Versöhnung umfängt an seinen drei holzvertäfelten Außenwänden ein umlaufendes Goldband als Hinweis auf den sakralen Charakter des Ortes. Es ist ein verheißungsvoller Ort von außen und ein würdiger Ort im Inneren.

INFO
Dieses Glasfenster wurde 2012 im Anschluss an die Umgestaltung des Kircheninneren von dem Stuttgarter Künstler Joachim  Sauter in Zusammenarbeit mit dem Meisterbetrieb Die Kunstglaser in  Rottweil geschaffen. Dabei wurden bearbeitete Glasscheiben in Schichten hintereinandergelegt. Die unteren Schichten sind Hintergründe für die Zeichnung auf dem Frontglas.

Dr. Iris Dostal-Melchinger