Ein Krönle im Karton

primizkrone_1907_aZwischen Statuen, Kerzenhaltern und Lesepulten findet sich auf dem Pfarrhausspeicher von St. Moriz in Rottenburg ein beinahe quadratischer Karton – eine Hutschachtel? Beim Öffnen schimmert es golden zwischen Blumenpapier. Eine Krone kommt ans Tageslicht, auf einem Seidenkissen fixiert, von zierlicher Gestalt.

Das mit Fransen verzierte Seidenkissen gibt an, dass dieses Krönchen nicht üblicherweise auf dem Kopf getragen wurde. Es war ausschließlich zum Tragen auf dem Kissen gedacht: Eine Primizkrone. Sie wurde dem neugeweihten Priester anlässlich dessen erster Messfeier in seinem Heimatort auf seinem Weg vom Elternhaus zur Pfarrkirche vorangetragen.

Das Kissen ist prall gefüllt, die Kissenhülle aus naturweißer Seide, die Unterseite ziert aufwendige Punktsteppung. Den Kissenrand säumen Goldbouillonfransen. Auf der Oberseite sind in den vier Ecken dreidimensionale Applikationen aus Golddraht zu Blüten und Blättern gewunden und verflochten. Eingearbeitete Perlen- und rote Schmucksteine akzentuieren die Gestaltung. Das Grundgestell der Krone ist aus festem Draht. Es besteht aus einem schmalen Reif; darauf montiert sind acht Spangen, die nach außen emporsteigen, bevor sie sich zur Mitte hin leicht neigen und dort den Globus mit Kreuz tragen. Daran ranken sich Zweige, Blätter und Blüten aus Formpailletten, Wachsperlen und Schmucksteine.

primizkrone_1907_bDerart aufwendige Primizkronen gehören in den Bereich der Schönen Arbeiten und wurden unter erheblichem Zeitaufwand vor allem in Frauenklöstern gefertigt. Die ältesten erhaltenen Beispiele stammen aus dem 18. Jahrhundert. Entsprechende Kronen entstanden noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts. Einfachere Exemplare wurden auch von Laien vor Ort für den Neupriester angefertigt.
Anlass für diese Gestaltung war die Primiz, die erste eigenständige Messfeier eines neugeweihten Priesters als Hauptzelebrant, traditionell meist in der Heimatgemeinde des Primizianten. Ein Fest mit hohem Aufwand, bei dem der erste Segen des Neupriesters als besonderes wirkungsvoll erachtet wird. Vor dem Gottesdienst wird dem Primizianten auf seinem Weg zur heimatlichen Pfarrkirche die Primizkrone vorangetragen. Dies war die Aufgabe der »Primizbraut«, eines in weiß mit Schleier gekleideten Mädchens. Es wurde meist von weiteren Mädchen in weißen Kleidchen und mit Kränzen im Haar begleitet. Üblich sind die Kronen auch bei silbernen und goldenen Priesterjubiläen.

Theologischer Hintergrund dafür ist die Deutung der Primiz als Geistliche Hochzeit. Der Primiziant repräsentiert Christus, den Hohepriester. Die Krone verweist auf Christus, den König. Das als Braut gekleidete junge Mädchen verkörpert symbolhaft die Kirche. An sich ist die Braut die Kirche, die durch die versammelte Gemeinde leibhaftig anwesend ist. Dieses Bild der Gemeinde bzw. des Gottesvolkes als Braut ist schon beim Propheten Jesaja im Alten Testament beschrieben.

Die Primizbraut war üblicherweise ein Mädchen aus der Verwandtschaft des Primizianten. Die anderen weißgekleideten Mädchen trugen häufig sowohl weitere symbolhafte Gaben, wie Kerze, Kreuz oder Rosen, als auch reale Geschenke, wie Speisekelch oder Stola.

Seit etwa 50 Jahren begleiten vor allem Kommunionkinder den Primizianten und ein Kommunionmädchen trägt Kranz oder Krone. Die naheliegende Erklärung ist die Erstmaligkeit auf beiden Seiten: Die Kommunionkinder erlebten ihre erste volle Teilhabe an der Heiligen Messe durch den Erstkommunionempfang, der Primiziant zelebriert erstmals eigenständig eine Messfeier.

Die außerordentliche Feierlichkeit der Primizen und ihre Einbettung in ein äußerst vielfältiges Brauchtum in Anlehnung an weltliche Hochzeiten, hat zu der Volksweisheit geführt: »Eine Primiz ist es wert, dafür ein Paar Schuhsohlen durchzulaufen.« In dem Fall der Primizkrone genügte das Sichten und Inventarisieren eines Dachbodendepots von St. Moriz in Rottenburg.

Iris Dostal-Melchinger