Furcht einflößende Folterinstrumente auf samtweichen Polstern

»Arma Christi« – Jesu Leiden meditieren

Zahlreiche Kissen mit darauf montierten Nachbildungen der Arma Christi schlummern in Sakristeien in Tübingen, Horb, Rexingen, Vollmaringen, Eutingen und Wiesensteig. Die Leidenswerkzeuge umfassen die vor allem in der Bibel genannten und durch die Apokryphen und Legenden vermittelten Werkzeuge, Foltergeräte und andere Objekte, die in Beziehung zum Leiden und Sterben Jesu stehen.

Die ursprüngliche lateinische Bezeichnung als »arma« = Waffen Christi bezieht sich auf den mit ihnen erzielten Sieg über Sünde und Tod (vgl. Stichwort). Sie sind Triumphzeichen und Insignien der Macht und Größe. Die Symbole sind schlicht und aus einfachem Material, wie Holz oder Wachs gefertigt. Das Material der Kissen ist aufwendiger, aus Samt oder Seide, mit Stickereien, Kordeln, Spitzen und Applikationen.

Auf den Kissen werden folgende Objekte einzeln oder in verschiedenen Zusammenstellungen gewürdigt: Allem voran Kreuz und Dornenkrone, weiter der Leidenskelch; Fackeln, Stricke und Ketten verweisen auf die Gefangennahme, Geißelsäule, Geißeln und Ruten führen Folter und Spott vor Augen. Zu Hammer, Nägel und Zange reiht sich in Eutingen ein Vorbohrer.

Die paarweise Anordnung von Lanze und dem Stab mit dem Essigschwamm ist ein aus der Kunst vertrautes Motiv. Spielwürfel und das Gewand Christi berichten vom Geschehen nach der Kreuzigung und die Leitermodelle erinnern an die Kreuzabnahme.

Außerdem finden sich bei den Kissenensembles noch folgende Symbole: Das dornenumkränzte Herz Jesu und analog dazu das rosenumkränzte Herz Mariens, ferner das Symbol des gläubigen Herzens, verschiedene Christusmonogramme, die Darstellung Jesu Christi als Pelikan und als Agnus Dei (Lamm Gottes), die Heilig-Geist-Taube sowie die Symbole der drei göttlichen Tugenden.

Grundlage aller künstlerisch und kunsthandwerklich gestalteten Passionszeichen sind die originalen Reliquien, die der Überlieferung nach vor allem Helena, die Mutter Konstantins des Großen im Heiligen Land suchen ließ. Gegen Ende des 13. Jh. erlangen die Waffen Christi im Zusammenhang einer intensiven Passionsfrömmigkeit umfassende Bedeutung. Gemäß  dem Augustinerchorherrn Thomas von Kempis sollen sie die Universalität des Leidens zeigen.

Dies veranschaulichen etwa die beiden Wandmalereien in St. Afra in Schelklingen aus dem 13. Jahrhundert sowie aus dem 14. Jahrhundert in der Spitalkirche von Weil der Stadt mit den Darstellungen des Schmerzensmannes, der umgeben von Arma-Christi-Zeichen ist. Im 15. Jh. gewinnen die den Schmerzensmannbildern beigefügten Passionswerkzeuge im Zusammenhang der Gregoriusmesse zunehmend eucharistische Bedeutung.

Die Leidenswerkzeuge, die insbesondere bei Flurkreuzen angebracht wurden, gaben diesen ihren Namen. Auch an der Spitze vieler Prozessionen wird ein Arma-Christi-Kreuz vorangetragen.

Die Karwoche und die Auferstehungsfeier sind der Höhepunkt im Kirchenjahr. Diese Zeit erfuhr vor allem im Mittelalter und im Barock im Rahmen einer als geistliche Inszenierung verstandenen Liturgie die sinnenreichste Umsetzung. Bei ihren Prozessionen ging es um den aktualisierenden, ganzheitlichen Mitvollzug des biblischen Geschehens.

Die Kissen mit den Arma Christi sollten über die Darstellung der Passio zur Compassio (Mitleiden) und über diese zur Imitatio Christi (Christus-Nachfolge) führen. Das Ziel dieser Darstellungen und Inszenierungen ist es, die Betrachtenden im Innersten zu treffen aufzuwühlen und verwandelnd auf sie zu wirken.

Erhalten geblieben sind heute vor allen die Karfreitagsprozessionen in Spanien und Süditalien. Die Arma Christi werden dort von Bruderschafen oder von Kindern auf Kissen, glänzenden Platten oder auch ohne Unterlagen getragen.

Für das Gebiet des Bistums Rottenburg-Stuttgart berichten alte Prozessionsordnungen von dem Brauch. Eine Ordnung des Schwäbisch Gmünder Passionsspiels aus dem 18. Jahrhundert gibt an, die 76. Gruppe solle Judenknaben mit den Leidenswerkzeugen darstellen.

So waren auch die Kissen mit den Leidenswerkzeugen in Tübingen, Horb, Vollmaringen und Wiesensteig einst Bestandteil von Karfreitagsprozessionen. Weil die Kissen in Rexingen und Eutingen eine größere Bandbreite an Symbolen aufweisen, wurden sie auch bei der Prozession an Fronleichnam mitgeführt.

In Eutingen waren die Kissen noch in jüngster Vergangenheit an Fronleichnam zu sehen. Es ist überliefert, dass sie früher von den Mädchen getragen wurden, deren Weißer Sonntag sich jährte. Heute obliegt den Erstkommunionkindern und Grundschülern diese ehrenvolle Aufgabe. Sie dürfen mit den Arma Christi oftmals in der Prozession unmittelbar vor dem Priester mit dem Allerheiligsten gehen.

Südlich der Alpen und in den ehemaligen spanischen Kolonien erfüllen auch als Engel gekleidete Kinder diese Aufgabe, womit sich der Kreis zu den, die Arma Christi haltenden, Engeln in der Kunst des Mittelalters und Barocks schließt.

Iris Dostal-Melchinger