Horber Johannesschüssel – Das Haupt in der Schale

Ein Besuch im Horber Spitaldepot förderte ein vergessenes Stück zutage. Eindrucksvoll ist hier der lebensgroße Kopf Johannes des Täufers in Holz festgehalten: Die Muskeln sind erschlafft, die Augen und der Mund halb geöffnet, der Hals zeigt offenes Fleisch; einzig die Schale birgt das kostbare Gut sicher auf einem Kissen. Auch als Johannesschüssel bekannt, fängt das drastische Kunstwerk den Betrachter unmittelbar ein.

johannesschuesselEr »(…) trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Lenden und er aß Heuschrecken und wilden Honig« (Mk 1,6). Der Mann aus der Wüste Judäas, den das Markusevangelium hier als enthaltsamen Prediger beschreibt, sollte einst zahlreiche Menschen um sich versammeln und zuletzt zum Wegbereiter Christi werden. Er verkündete das Kommen des Messias, erkannte Jesus als Lamm Gottes und spendete die Taufe im Jordan als Zeichen der Sündenvergebung. Auf diese Weise erhielt er seinen berühmten Beinamen und ist heute als Johannes Baptista – der Täufer – bekannt.

Trotz der Anknüpfungspunkte zum Wirken Jesu berichten die biblischen Quellen nur wenig über sein Leben. So tritt der Sohn Elisabeths und Zacharias´ erst um das Jahr 28 als Prediger und Täufer Jesu in Erscheinung, wie es auch der römische Gelehrte Flavius Josephus berichtet.

Ausführlich hingegen ist die Geschichte seines gewaltsamen Todes überliefert, den er unter Herodes Antipas in Galiläa erlitt. Der Prediger soll die unrechtmäßige Verbindung des Herrschers zu seiner Schwägerin Herodias verurteilt haben – ein Vorfall, der auch in der jüdischen Öffentlichkeit für Unmut sorgte. In der Folge gefesselt und eingekerkert, wurde sein Leben zunächst geschont, denn Herodes wusste, dass Johannes »(…) ein gerechter und heiliger Mann war« (Mk 6,20). Herodias aber wollte den Tod des Täufers und täuschte Herodes mit Hilfe ihrer Tochter Salome: Bei einem Festmahl sollte das Mädchen als Belohnung für einen Tanz den Kopf des Johannes auf einer Schale verlangen (Mk 6, 14–29).

Das Martyrium, das hier beschrieben wird, fand über die Jahrhunderte vielfach Eingang in die christliche Kunst. Vor allem in der Malerei etablierte sich die Präsentation des Johanneshauptes durch Salome und Herodias als beliebtes Motiv. Eine Besonderheit hingegen ist die plastische Darstellung in der Schale, wie sie seit dem 13. Jahrhundert bekannt ist. Es wird vermutet, dass der Bildtypus ikonographisch auf das Heilige Haupt von Amiens, die gefasste Kopfreliquie Johannes des Täufers, zurückgeht.

Trotz seiner Verbreitung bleibt die ursprüngliche Funktion des Darstellungstypus allerdings im Dunklen; so auch in Horb. Weder die Nutzung als Reliquiar noch die feste liturgische Einbindung sind verbindlich belegt. Überliefert ist stattdessen das Auflegen des Johanneshauptes bei Kopf- und Halserkrankungen, wie es noch heute in einzelnen Pfarreien praktiziert wird.

Ebenso finden sich Belege für die Einbindung des Hauptes im geistlichen Spiel des Mittelalters sowie die besondere Präsentation des Bildwerkes am Gedenktag Johanni Enthauptung (29. August). Innerhalb des Kirchenjahres an der Wand, über der Eingangstüre oder auf einem Sockel gezeigt, wurde das Bildwerk hier zumeist auf dem Hochaltar aufgestellt. In der Regel war dabei die Trennung von Kopf und Schale möglich – eine Eigenschaft, die mit der individuellen Nutzung des Bildwerkes zusammenhängen mag.

Die Horber Johannesschüssel soll ehemals zur Ausstattung der 1851 abgegangenen Johanneskirche gehört haben, deren Hochaltar bereits 1845 in die örtliche Liebfrauenkirche übertragen wurde. Ob und in welcher Form das Bildwerk hier eingebunden war, bleibt aktuell noch zu klären. Das vormalige Johannes-Patrozinium macht eine spezielle Darbietung des Hauptes am Gedenktag der Enthauptung jedoch wahrscheinlich. Die rückseitig am Kissen angebrachte Schlaufe spricht darüber hinaus für eine hängende Präsentation im Kirchenraum. Ungeachtet – oder gerade wegen – seiner Geheimnisse erinnert die lebensnahe Skulptur noch heute auf beeindruckende Weise an den gewaltsamen Tod des heiligen Mannes.

INFO

Gedenktage

Der Gedenktag der Enthauptung Johannes des Täufers ist der 29. August. Als Hochfest gefeiert wird die Geburt des Täufers am 24. Juni, der Johannistag.

Bildangaben:
Johannesschüssel, 17. Jh. (?), Holz, farbig gefasst, 22,5 x 37 x 35 cm, Horb, Depot Spitalstiftung.
Foto: Diözesanmuseum Rottenburg

Christine Bozler