Kostbares Gefäß zum Sprechen gebracht

Zusammen mit dem Altar ist der Eucharistische Kelch – neben der Patene – der wichtigste Ausstattungsgegenstand im katholischen Gotteshaus. Beides geht bekanntlich auf die biblischen Berichte über das letzte Mahl Jesu mit seinen Jüngern zurück.

kelch_totalSpätestens seit dem 6. Jahrhundert wird der Kelch verziert, kirchenrechtlich vorgeschrieben ist für die „vasa sacra“, die heiligen Gefäße, seit dem 9. Jahrhundert – mindestens für die Kuppa – dann vergoldetes Silber. Denn bei der Wandlung von Wein zu Blut Christi darf dieses nur mit dem kostbarsten Material in Kontakt kommen.

Reich verziert, kostbar und selten ist auch der vermutlich Festtagen vorbehaltene Kelch aus der Pfarrkirche St. Moriz in Rottenburg am Neckar. Die Oberfläche des hoch gewölbten Fußes, der Nodus und der Kuppaüberfang sind mit reliefartigen Rocaillen überzogen. Es ist das typische Muster des Rokoko.

Was den Kelch aber so besonders macht, sind die kartuschenförmigen Platten aus farbigem Email mit miniaturhaften Heiligendarstellungen. Am Fuß sind dies: Antonius von Padua, Franz von Assisi (?) und Josef von Calasanz bei der letzten Kommunion vor seinem Tode – eine äußerst seltene Darstellung des 1748 von Papst Benedikt XIV. seliggesprochenen, spanischen Stifters des Piaristenordens. Warum diese Zusammenstellung? Zumindest lässt sich so viel sagen: Alle drei eint, dass sie aus wohlhabenden, meist adeligen Elternhäusern kamen und diese für ein Leben nach dem Vorbild Jesu Christi (Imitatio Christi) verließen, alle drei waren Ordensgeistliche. Und die Zusammenstellung ist eine Kombination von „bewährten“, traditionellen Heiligen mit einem in der damaligen Zeit „aktuellen“ Seligen.

kelch_ausschnittAuch die Emailplatten im Kuppaüberfang bieten weitere Überraschungen: ein Heiliger mit einer Hellebarde und einem Buch, vielleicht der Evangelist Matthäus, der wohl in einer Simultanszene im Hintergrund inmitten einer Menschenmenge erstochen wird. Die nächste Emailplatte zeigt einen Heiligen in einem Gefängnis mit angeketteten Inhaftierten. Diese Begebenheit trifft auf zwei mittelalterliche Gestalten zu: auf Johannes von Matha (1154–1213), Mitbegründer des Trinitarierordens, der 1694 heiliggesprochen wurde, und auf Petrus Nolascus (1182–1249), Begründer des Mercedarierorden; bei Petrus erfolgte die Heiligsprechung im Dreißigjährigem Krieg, 1628. Beide  verbindet die Befreiung von Christen aus muslimischen Kerkern – eine außergewöhnliche Darstellung, zumal auf einem Kelch und ohne Bezug auf ein eucharistisches Thema! Rätsel gibt aber auch die dritte Emailplatte auf: zwei heilige Bischöfe inmitten einer weiten Landschaft mit Ruine, beide schauen auf das Dreifaltigkeitssymbol mit dem hier nur angedeuteten biblischen Gottesnamen JHWH. Die Attribute sind in der Kombination beider Heilige nicht eindeutig – der eine hält ein Buch unter dem Arm, der andere eine tote Schlange in der linken Hand. Handelt es sich um Patrick von Irland und Germanus von Auxerre?

Ob der Kelch mit diesem außergewöhnlichen Heiligenprogramm speziell in Auftrag gegeben wurde oder so „fertig“ gekauft wurde, wissen wir heute nicht mehr. Sicher ist zumindest die Herkunft des Kelches. Aufgrund seines unverfälschten Originalzustandes ohne zerstörende, unsachgemäße Neuvergoldung kann er durch die sichtbaren Punzen „zum Sprechen“ gebracht werden. Der Kelch stammt aus der Bayerisch-Schwäbischen Stadt Augsburg, die über lange Zeit ein weltweit bedeutendes Zentrum des Buchdrucks und des Verlagswesens sowie der Goldschmiedekunst war.
Nach dem Beschauzeichen am Fuß des Kelches lässt sich das Werk relativ genau in die Jahre von 1759 bis 1761 datieren. Das Meisterzeichen mit dem Kürzel „ITH“ verrät auch den Hersteller: Josef Tobias Herzebik. Er stammt aus Petrowitz in Böhmen, war katholisch, wurde 1756 Meister und heiratete im selben Jahr, 1788 starb er. Der besprochene Kelch ist daher ein „Frühwerk“ des sich im Kelch verewigten Goldschmiedemeisters Herzebik. Offenbar sind nicht viele Kostbarkeiten aus seiner Werkstatt erhalten geblieben. Sie finden sich in Gotteshäusern an einigen Orten Süddeutschlands und vermehrt im Bestand der Benediktinerabtei Einsiedeln in der Schweiz.

Erik Venhorst