„Liebe sei Tat“ – Was eine alte Figur zu erzählen hat

Der wohltätige Vinzenz von Paul
Skulpturen, wie die hier besprochene, standen nach dem 2. Vatikanischen Konzil nicht mehr hoch in der Gunst der Gläubigen. Vielen waren sie zu „kitschig“. Falls ihnen – je nach Material – Hammerschläge oder Osterfeuer erspart blieben oder die Weitergabe in private Hände ausblieb, fristen solche Objekte seitdem häufig ein stilles Leben auf den Bühnen oder in den Kellern von Kirchen und Pfarrhäusern. Dabei haben sie viel zu erzählen.
Ein Heiliger ohne namentliche Bezeichnung ist nicht immer leicht zu identifizieren. Doch das charakteristische Aussehen, hier offensichtlich ein Geistlicher in Soutane mit den beiden „Attributen“, dem Neugeborenen an der Brust und dem barfüßigen Mädchens zu seiner Linken, lassen nur einen in Frage kommen: Vinzenz von Paul (1581-1660).

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Der heilige Vinzenz von Paul sammelt Findelkinder auf. Die farbig bemalte Formfigur aus Gips, wohl um 1900 gestanden, stellt die mit am häufigsten dargestellte Szene aus dem Leben des französischen Priesters dar.

Die Abenteuer des Vinzenz von Paul
Das konkrete Objekt wurde bei der Inventarisierung der gleichnamigen Fachstelle am Diözesanmuseum Rottenburg auf der Bühne der Kirche St. Anastasia in Baisingen entdeckt. Obwohl es sich um einen seriellen Gipsabguss aus einer nur einige Dutzend Mal zu gebrauchenden Tonform handelt, dürfte diese Skulptur eine ausgesprochene Seltenheit sein. Häufig sind hingegen Gipsobjekte mit Darstellungen etwa von Jesus und Maria, die auf ihre Herzen zeigen. Gemeinsam ist all diesen Kunstwerken aus der Zeit vor und um 1900 eine naturalistische, idealisierte Darstellungsform mit einem sentimentalen Gestus.
So präsentiert sich auch die Skulptur auf der Bühne: ein vergeistigter Heiliger, der hoffnungsvoll erhobene Blick eines barfüßigen Mädchens zu ihm herauf und ein zuvor schutzloses, nacktes Neugeborenes, das jetzt in Sicherheit ist. Diese Darstellung verweist auf einen Aspekt des segensreichen Wirkens des als Begründer der neuzeitlichen Caritas geltenden Heiligen.
Das Leben Vinzenz‘ von Paul, der als Bauernsohn in der Gascogne zur Welt kam, war unfreiwillig teils recht abenteuerlich: Er wurde als Sklave ins nordafrikanischen Tunis verkauft. Schließlich gelang ihm die Flucht zurück nach Frankreich. Dieses Schicksal veränderte Vinzenz stark. Viele Stationen als Seelsorger in unterschiedlichen Funktionen folgten. So wurde er 1610 geistlicher Berater der Königin Margarete von Valois und Hausgeistlicher des Galeerengenerals de Condi in Lyon.

Vorbild für zahlreche Gemeinschaften
Tiefen Eindruck hinterließen seine Begegnungen mit Franz von Sales und Johanna von Chantal. Dadurch erkannte Vinzenz seine Lebensaufgabe: sich mit aller Kraft für die Schwächsten einzusetzen und den Bedürftigen zu dienen. Dazu rief er zuerst die Gemeinschaft der Laienschwestern „Confrérie de la Charité“ ins Leben, bald darauf die entsprechende Laienbruderschaft; 1625 gründete er den Orden der „Lazaristen“ und 1633 gemeinsam mit Louise de Marillac die „Barmherzigen Schwestern“ – „Vinzentinerinnen“ genannt. Fünf Jahre später begann die Gründung von Waisenhäusern, denn mehr als 400 Kinder wurden jedes Jahr allein in Paris ausgesetzt.
Vinzenz einfacher Leitsatz „Liebe sei Tat“ führte bereits zu seinen Lebzeiten zu einigen außereuropäischen Missionsgründungen. Die Frauenorden in der „Föderation Vinzentinischer Gemeinschaften” in der katholischen Kirche. Und mit rund einer Million Mitgliedern sind die Vinzenzgemeinschaften die mitgliederstärkste ehrenamtliche Laienorganisation der Welt.

Info – Nächstenliebe
Der 1737 heiliggesprochene Vinzenz von Paul ist der Patron aller caritativen Vereine und Werke, des Klerus, der Waisen- und Krankenhäuser, der Gefangenen und für das Wiederfinden verlorener Sachen. Sein Gedenktag ist der 27. September.

Formalangaben:
Gips, polychrom gefasst
Maße (HxBxT) 70,0 x 24,0 x 18,0 cm
Baisingen, Katholische Kirchengemeinde St. Anastasia
Foto: Diözesanmuseum Rottenburg

Erik Venhorst