Messweinwärmer – ein vergessenes Gerät

Die Gebrauchsgegenstände des Alltags dienen nicht selten dazu, unsere Arbeitsabläufe zu erleichtern. Sie sind daher naturgemäß auch einem ständigen Wandel unterworfen, denn sobald sich die Anforderungen ändern, ändern sich die Gebrauchsgegenstände. Selbst der Gottesdienst ist und war von solchen Veränderungen nicht unberührt. Drang die Stimme des Pfarrers bis in die 60er Jahre von der Kanzel allein durch die erhöhte Position des Redners zu den hinteren Reihen vor, braucht es bei der heutigen Situation schon ein Mikrofon, um in einer größeren Kirche Gehör zu finden.

So kommen bei den vom Diözesanmuseum Rottenburg durchgeführten Inventarisierungen der Kirchenausstattungen immer wieder Gefäße für die Liturgie zum Vorschein, deren Gattung nach dem Einbau von Heizungen in den Kirchen nahezu völlig verschwand; Der jüngeren Generation dürften sie daher vermutlich weitestgehend unbekannt sein. Es handelt sich um Messweinwärmer.

Bevor die Gotteshäuser während der kalten Jahreszeit beheizt wurden, bestand für den Messwein zwar nicht die Gefahr, dass er einfror, da dieser mit einem Alkoholgehalt von etwa 12 Prozent einen Gefrierpunkt von -5 °C hat, wohl aber für das dazugehörige Wasser. Der Messweinwärmer sollte dem entgegenwirken und ermöglichte es, Wein- und Wasserkännchen in passenden Nischen unterzubringen. Zwischen Nischen- und Außenwand befand sich ein Hohlraum, der mit warmem Wasser aufgefüllt werden konnte. So war es möglich, den darin befindlichen Messwein auf Temperatur zu bringen und das Wasser über dem Gefrierpunkt zu halten. Da das Erhitzen von Wasser bis weit in die Neuzeit aufwendig war, kamen im 20. Jahrhundert auch elektrische Messweinwärmer in Gebrauch. Durch eine Lampe im Innern konnten die Flüssigkeiten in den Kännchen durch einfaches An- und Ausschalten erwärmt werden.

  

Die häufig auf den Dachböden der jeweiligen Kirchen gefundenen Stücke spiegeln diese technische Entwicklung wider. Der Messweinwärmer aus St. Verena, Dautmergen etwa (H: 19,5 cm/B: 22,6/ T: 14) stammt vermutlich aus dem späten 19. Jahrhundert (Abb. 1). Er besteht aus Metall und weist zwei gleichgroße Nischen für die Kännchen auf. Die Oberfläche ist mit einer Bierlasur überzogen, womit dem Gefäß eine Holzoptik verliehen wird. Bemerkenswert ist der Aufsatz, der durch seine leicht geschwungene Form an ein Dach erinnert und damit einen Bezug zur alttestamentarischen Arche herstellen soll, die ihren Inhalt sozusagen sicher „birgt“ bzw. in der die Kännchen samt Inhalt sicher transportiert werden. Ein dachförmiger Deckel findet sich auch bei dem kupfernen Modell aus St. Peter und Paul in Obernau (H: 21,5 cm/B: 20,5 cm/T: 15,5 cm), das vermutlich um 1900 entstand und zur Zeit seiner Verwendung auch tatsächlich den Beinamen „Arche“ trug.

Das Beispiel aus Hirrlingen, St. Martinus zeigt dagegen ein elektrisches Modell aus den frühen 1950er Jahren (Abb. 2). Der kleine, hölzerne Kasten (H: 22 cm/B: 16,5 cm/T: 10,7 cm) ist im Inneren durch ein Gitter geteilt, auf das die Messkannen gestellt wurden. Unter dem Gitter befanden sich Heizlampen. Bequem konnte dieser Kasten, einem Schränkchen gleich, aufgeklappt werden, um die Gefäße herauszuholen. Wie stark diese liturgischen Geräte dabei dem jeweiligen Zeitgeschmack angepasst waren, zeigt die modische Marmorierung der hölzernen Oberfläche, die ebenfalls durch eine Bierlasur entstand. Im Gegensatz zu dem metallenen Modell aus dem 19. Jahrhundert war dieser Messweinwärmer aufgrund der Stromverbindung nicht portabel und hatte daher einen festen Platz in der Kirche.

Zeugnis für eine veränderte Nutzung des Messweinwärmers vor seinem endgültigen Verschwinden ist das elektrische Modell aus der St. Agatha-Kirche in Salzstetten. Dieses wurde nachweislich während des Zweiten Weltkrieges zur Ewig-Licht-Lampe umfunktioniert, um Öl und Kerzen einzusparen, die im Krieg zur Mangelware geworden waren.

Obwohl heute sicherlich selten, finden Messweinwärmer auch noch in unseren Tagen Verwendung und werden u.a. in ganz unterschiedlichen Ausführungen im Internet angeboten, von einfachen Varianten aus lackiertem Messing bis zu Modellen mit vergoldetem Kreuz als Deckelgriff.

Sebastian Eckert M.A.