Seltenes Erbe des ehemaligen Paulinenklosters

RS_Kieb_Mari_0054_a01Tschenstochau in Kiebingen

Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte lag ein wundersames Altargemälde auf der Bühne über dem Chor der alten Kirche Mariä Himmelfahrt in Kiebingen – jetzt kam es beim Inventarisieren durch den Hinweis des Kirchenpflegers zum Vorschein. Und die Überraschung war groß.

Eine typische Situation beim Inventarisieren: Im Gespräch mit den Verantwortlichen und anderen Gemeindemitgliedern vor Ort kommt man unweigerlich auf das Thema „Früher“ und den beklagenswerten Verlust von Kirchenraumausstattung über die Zeiten. Umso erfreulicher dann der Hinweis auf ein „Bild, das aussieht wie eine Ikone“ auf dem Dachboden. Und nach dem Erklimmen einer schmalen Luke tatsächlich: eine Madonnendarstellung nach Art des byzantinischen Ikonentypus der Hodegetria, also einer Madonna, die das segnende Kind auf dem linken Arm hält. Ungewöhnlicherweise ist die Darstellung auf die Silhouette von Madonna und Kind auf die Leinwand begrenzt, die dann auf einen goldfarbenen, gemusterten Holzträger aufgezogen wurde. Vermutlich geschah dies laut Angabe auf der Rückseite im Jahre 1756, was auch zum Rokoko-Dekor des „Rahmens“ passt.

Fast exakte Kopie

Beim weiteren Betrachten fielen das dunkle Antlitz Mariens und zwei eigenartige, schräg verlaufende Striche auf ihrer linken Gesichtshälfte auf. Diese beiden Merkmale sind unverwechselbare Kennzeichen für die Schwarze Madonna von Tschenstochau. Abgesehen von Details wie der Gewandmusterung, dem andersfarbigen Untergewand Mariens, der Größe der vom Jesuskind gehaltenen Bibel, den „gezackten“ Nimben sowie der Kronen ist die Kiebinger Madonna eine exakte Kopie der „Ur“-Darstellung aus Tschenstochau.

Wie ist dieser Befund zu erklären, liegen doch zwischen Kiebingen und Tschenstochau über 1000 Kilometer Luftlinie – eine im 18. Jahrhundert beschwerliche Strecke und so weit wie nach Rom?

Der Schlüssel zur Beantwortung der Frage liegt auf einer grünen Wiese am Fuße des Höhenzuges Rammert am Bett des Rohrhaldenbaches auf Kiebinger Gebiet begraben. Dort stand der Überlieferung nach bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts das „Rohrhaldenkloster“, das wohl um 1350 als Konvent der Pauliner gegründet und 1786 aufgelöst wurde. Wahrscheinlich im Rahmen der Versteigerung des Klosterbesitzes gelangte das Altarbild mutmaßlich aus der Klosterkirche in die Pfarrkirche nach Kiebingen. Nachrichtlich dürfte es sich dabei um das Gemälde handelt, das eine Kiebinger Witwe 1684 dem Kloster stiftete.

Mit Paulinern verbunden

Die Schwarze Madonna von Tschenstochau ist auf das Engste mit den Paulinern verbunden und in jeder Ordensniederlassung als Kopie zu finden. Prinz Ladislaus von Oppeln rief die Paulinermönche von Ungarn nach Polen. 1382 kamen sie nach Jasna Góra in heutigen Tschenstochau, erhielten eine kleine Kirche und das bei einem Tatarenangriff am Hals der Gottesmutter beschädigte Bild, das der Prinz der Legende nach aus der Stadt Bełz (Ukraine) hierher gebracht hatte. Bei dem Hussitenüberfall auf das Kloster 1430 soll das Bild abermals mutwillig durch zwei Schwerthiebe geschändet worden sein. Diese sind noch heute in der linken Gesichtshälfte Mariens sichtbar. Zahlreiche Wunderbeschreibungen – legendenhafte und belegte – gehen auf die Schwarze Madonna zurück. Mehrfach ist sie symbolisch zur Königin Polens gekrönt worden. Auch deshalb wird das „Urbild“  häufig im Jahr durch aufgesetzte, reich geschmückte Schablonen „bekleidet“.

Derzeit diskutiert die Kiebinger Pfarrgemeinde eine schonende Stabilisierung der Substanz und einer anschließenden Hängung des Altarbildes in der Kirche. Dies wäre sehr zu begrüßen, handelt es sich in vielfacher Hinsicht um eine Rarität ersten Ranges.

Info – Tschenstochau

Die Schwarze Madonna von Tschenstochau gilt in Polen als nationales Symbol. Zum Heiligtum wallfahrten jährlich mehrere Millionen Pilger.

Formalangaben:

Gemälde: Öl auf Leinwand, wohl 1684
Bildträger: Holz, farbig gefasst, 1756
Maße (HxBxT, gesamt): 156,4 x 103,0 x 3,4 cm
Kiebingen, Katholische Kirchengemeinde Heilig Geist

Foto: Diözesanmuseum Rottenburg

Erik Venhorst