Spender der Krankenkommunion in Zeiten der Pest – Der standhafte Karl Borromäus

Unbeachtet stand das ausdrucksstarke Gemälde auf dem Speicher eines Rottenburger Pfarrhauses. Trotz seines Alters von knapp 160 Jahren – es ist mit der Jahresangabe „1856.“ datiert –, zeigt sich das Objekt in einem erstaunlich frischen Zustand – wie seine Botschaft.

Rott_Mori_0206_a01Ganz im Stil der damaligen Kunstauffassung, der Historienmalerei, wird das Geschehen wie ein monumentales Ereignis inszeniert: Ein Heiliger mit Gefolge betrat vorhin einen kargen Raum, in dessen Mitte er nun steht. Ausgemergelte und Kranke belagern ihn. Auf Stroh kauernd, flehen und beten sie die Hostie, die der Heilige über dem Kelch hält, an. Der strenge, zugleich traurige Blick seines sanften Gesichtes wendet sich einem unsichtbaren Ziel zu. Das Magische der Szenerie wird durch die subtile Lichtführung von unten links und den gegenläufigen Lufthauch, ablesbar an den beiden Kerzenflammen, verstärkt. Wandöffnungen geben den Blick auf einen Marktplatz mit einer Häuserzeile frei. Beim Durchblick rechts ist ein verwinkeltes Haus zu sehen, vor dem sich tragische Situationen abspielen: gerade wird eine tote Frau über eine Treppe getragen, als ein Mann davor zusammenbricht und ein Paar gestikulierend darauf aufmerksam macht. Über den Dächern des Hauses thronen wie ein majestätisches Gebirgsmassiv die Türme einer großen Kirche.

Die Szene der Krankenkommunion im Elend und bildliche Anspielungen auf eine Epidemie im Hintergrund verweisen auf den hl. Karl Borromäus (1538–1584).

Seine Karriere ist geradezu sagenhaft. Für die Zeit nicht ungewöhnlich, wurde Karl bereits als Zwölfjähriger Abt eines Benediktinerklosters. Auf dieses Amt hatte seine Familie einen privilegierten Anspruch. Zwei Jahre später nahm Karl ein Jura-Studium auf, das er 1559 als Doktor abschloss. Noch im gleichen Jahr bestellte ihn sein Onkel, Papst Pius IV., zum Geheimsekretär in den Vatikan. Dieses Amt beinhaltete auch Koordinationsaufgaben für die dritte und letzte Phase des Konzils von Trient.
Noch vor Ende des Konzils hatte Karl den Wunsch, Priester zu werden. Schon 1563 empfing er die Priesterweihe, ein knappes halbes Jahr später folgte bereits die Bischofsweihe. Zum Kardinal und Erzbischof von Mailand wurde Karl fünf Monate danach ernannt. In seine Amtszeit fällt auch die in Mailand von 1576 bis 1578 wütende Pestepidemie. Als die Mitglieder der Stadtverwaltung aus Angst vor Ansteckung flohen, organisierte der Erzbischof umfassende medizinische Hilfsmaßnahmen für die Bevölkerung. Furchtlos ging Karl zu den Kranken und Sterbenden, spendete Trost und teilte die Eucharistie aus. Genau diesen Moment schildert das Gemälde vom Dachboden, zudem darf dann auch die große Kirche im Hintergrund als der Mailänder Dom erkannt werden, in dem er mit gerade 46 Lebensjahren seine Ruhestätte fand. Wegen seines caritativen Engagements und Bildungsideals berufen sich heute beispielsweise die Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Karl Borromäus und der Borromäusverein auf die charismatische Person des 1610 heiliggesprochenen Erzbischofs.

Rott_Mori_0206_a02Ob das Gemälde aus einer katholischen Bildungseinrichtung, gar aus dem Priesterseminar Rottenburg stammt, muss vorerst offen bleiben. Diese erzählerische Form der Inszenierung darf nach derzeitiger Kenntnis eine Bilderfindung des bisher – leider – unbekannten Malers „IK“ sein. Auch dies macht das Gemälde zu einer raren Kostbarkeit.

Erik Venhorst

INFO – Karl Borromäus

Der heilige Karl Borromäus ist auch ein Patron der Seelsorger, Katecheten, Katechumenen und Seminaristen. Gedenktag ist der 4. November.