Das Diözesanmuseum gestaltet den Katholikentag mit
Katholikentag 2022 in Stuttgart
Das Diözesanmuseum gestaltet mehrere Kulturveranstaltungen auf dem Katholikentag mit. Es lohnt sich also um so mehr, Ende Mai nach Stuttgart zu kommen. Der Eintritt zu den Veranstaltungen ist über die Tickets zum Katholikentag möglich.
Veranstaltungen des Diözesanmuseums auf dem Katholikentag
Kooperation mit der Hochschule für Kirchenmusik
Bedeutungsvoll
Ab dem 11. April wird im neu gestalteten Foyer der Rottenburger Hochschule für Kirchenmusik die Glas- und Eisenskulptur „Bedeutungsvoll“ von Susanne Röwer zu sehen sein. Das 2021 entstandene Kunstobjekt wurde vom Diözesanmuseum für das neue Tätigkeitsfeld „Zeitgenössische Kunst und Kunstvermittlung“ erworben. Dieser Bereich widmet sich Künstlern der Gegenwart, vermittelt ihre Werke und bringt sie in einen Dialog mit der christlichen Ikonographie vergangener Kunstepochen. Die Hochschule wird solche modernen Museumsstücke künftig regelmäßig präsentieren und so in ihren Räumen einen Begegnungsort auch für die bildende Kunst schaffen.
Röwers Skulptur wird zum ersten Mal in Rottenburg gezeigt. Die Künstlerin, die mit ganz unterschiedlichen Gattungen wie Metall, Glas, Stein oder Papier arbeitet und international ausstellt, verbindet die Werkstoffe auf eindrucksvolle Weise. Auch das Rottenburger Kunstobjekt, ein Fremdkörper im minimalistischen Foyer, lässt den Besucher innehalten. Fast organisch scheint es über einem flachen Sockel zu schweben, aufzusteigen, zu kriechen. Eisenwindungen, mit spitzen Dornen versehen, bilden über drei tastenden Fühlern einen Ring; darin eine rötliche Blase aus Glas. Tief schneiden die Dornen in die durchscheinende Oberfläche, als müsste sie jeden Augenblick zerspringen. Gleichzeitig passt sich die Blase den Dornen an, umschließt sie teilweise, scheint zu wabern und zu pulsieren.
Die erste Assoziation, die dem Betrachter in den Sinn kommt, ist vermutlich die Dornenkrone. Sinnbild höchsten Leidens, der Verspottung Christi, aber auch Auszeichnung und Symbol seines Königtums, seiner Allmacht. Die Krone heißt im Lateinischen „corona“, ein heute omnipräsenter Begriff mit ganz anderer Bedeutung. Auch Corona ist für viele Menschen zu einem Symbol für Leid geworden, lässt nach wie vor aber auch viele Menschen über sich hinauswachsen, zeichnet sie aus. In der Skulptur verbinden sich Sinnbilder und Sichtweisen; Eisen und Glas, Härte und Zerbrechlichkeit, beide im Feuer geformt, begegnen sich in lebendigem Zusammenspiel. Die Skulptur regt zum Nachdenken an und eröffnet dem Besucher Bedeutungsvolles, in der Karwoche und darüber hinaus.
Um eine Anmeldung im Sekretariat (Tel.: 07472/169-820) zur Besichtigung der Skulptur wird gebeten.

Mehr als Pauken und Trompeten
Pressemeldung
Stuttgart, 27. April 2022
Konzerte, Kino, Tanz, Kunst und Literatur, Ausstellungen, Kabarett und Theater – mehr als 200 kulturelle Veranstaltungen laden auf dem Katholikentag in Stuttgart zum Erleben und Staunen ein. Im Haus der Geschichte in Stuttgart stellten die Veranstalter diese Fülle heute vor. „Mit unserem Kulturangebot wollen wir fünf Tage lang die Atmosphäre des Katholikentags in die Stadt transportieren“, betont der Vorsitzende des Arbeitskreises Kultur des Katholikentags, Paul Magino. Eigens dafür wurden in einem Bewerbungsverfahren über 100 Bands, Chöre und Einzelkünstler:innen ausgewählt, die einen Großteil des Kulturprogramms gestalten werden.
Und: „Wir arbeiten mit vielen Kultureinrichtungen in der Stadt Stuttgart zusammen, etwa dem Linden-Museum, der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, dem Haus der Musik, der Staatsgalerie und dem Alte Schauspielhaus und werden die Stuttgarter Kulturszene für diese Zeit des Katholikentags deutlich bereichern.“ Einige Orte sind beim Katholikentag fest mit einer Sparte verknüpft: So werden sich etwa im Renitenztheater und im Gustav-Siegle-Haus Kabarettfreunde tummeln. Wer an Autorenlesungen interessiert ist, merke sich am besten den Wanner-Saal im Linden-Museum mit Lesungen von Anna-Katharina Hahn, Nora Bossong und Josef Haslinger.
Ausstellungen ermöglichen ganz eigene Einblicke, etwa „Unter die Haut – Mein Tattoo, meine Geschichte“ im Akademiegarten (unter freiem Himmel). Das umfangreichste und höchst aktuelle Projekt des Diözesanmuseums ist die Ausstellung „„Vulnerable – Verletzlich“ in St. Maria, in der die prämierten Arbeiten des gleichnamigen Kunstwettbewerbs der Diözese Rottenburg-Stuttgart – in Auswahl – präsentiert werden. Der Hintergrund: Die Corona-Pandemie und jüngst die kriegerischen Handlungen in der Ukraine führten uns unsere Verletzlichkeit deutlich vor Augen. Vulnerabilität ist ein wesentliches Moment des menschlichen Daseins, das schwächt, jedoch auch stärken kann. Bei der Aufgabenstellung hatte sich die Diözese bewusst dazu entschieden, die Frage nach Verletzlichkeit offen zu formulieren und sich von den Antworten junger Kreativer herausfordern zu lassen – sich also selbst verletzlich und offen zu machen. Ganz besonders vor dem Hintergrund, dass Kirche für schlimmste psychologische und körperliche Verwundungen an Kindern, Jugendlichen und queeren Menschen verantwortlich ist, wie jüngste Studien und Enthüllungen auf schockierende Weise verdeutlichten. Auf die Ausschreibung bewarben sich rund 600 Künstler:innen. Eingereicht wurden zeitgenössische Kunstformen wie Installationen, Video- und Soundarbeiten, Projektionen und Performances sowie Objekte der klassischen Bildkünste wie Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen.
Das umfangreichste Segment des Kulturprogramms auf de Katholikentag stellt die Musik dar – und diese wird an ganz verschiedenen Stellen in der Stadt erklingen. Hörgenuss bieten Gospelkonzerte, Pop und Rock, Neues Geistliches Lied, Orgelmusik und zeitgenössische Orchesterwerke. Ein besonderes Werk, das zudem zur Mitwirkung einlädt, ist die #coronation mass. Im Zentrum der Uraufführung steht Mozarts Krönungsmesse KV 317 als Sinnbild für Lebensfreude und Zuversicht. Darüber hinaus lässt die eigens entwickelte Klanginstallation jeden einzelnen Besucher schon vorab Teil des Ganzen werden – mit Hilfe seiner mit dem Smartphone individuell eingesungenen Voicemessage über die kurze musikalische Phrase „Dona nobis pacem“. Einfach nachsingen, +49 711 20 70 31 70 anrufen und auf die Mailbox singen oder als Sprachmemo aufnehmen und per Nachricht an coronation@katholikentag.de senden. Der Einsendeschluss für die Sprachnachrichten ist der 10. Mai.
Das umfangreiche Filmprogramm des Katholikentags richtet sich mit seinen Gesprächen nicht nur an interessierte Cineasten, sondern auch an Schüler:innen und Studierende und thematisiert aktuelle gesellschaftlich relevante Fragen. Etwa in dem Film mit Gespräch „Das unbekannte Mädchen“, in dem moralische Integrität und gesellschaftliche Gerechtigkeit thematisiert werden.
Kontakt:
Stephan von Kolson, Telefon: +49 175 4343485, E-Mail: presse@katholikentag.de
Wir machen Kunst in Krisenzeiten stark
Beim Katholikentag in Stuttgart sind ab 27. Mai in St. Maria erstmals prämierte Werke des Kunstwettbewerbs „Vulnerable – Verletzlich“ zu sehen.
Der Wettbewerb war auf eine große Resonanz gestoßen: Rund 600 Künstlerinnen und Künstler bewarben sich, 25 junge Kreative wurden ausgewählt. Sie setzten sich auf unterschiedlichste Art und Weise mit der Vulnerabilität, also der Verletzlichkeit, des menschlichen Lebens auseinander.
„Die Pandemie und zuletzt nun auch der Krieg in der Ukraine haben uns brutal aus vermeintlichen Selbstverständlichkeiten des Lebens herausgerissen“ sagt Weihbischof Dr. Gerhard Schneider, in dessen Zuständigkeit auch der Bereich Kunst in der Diözese Rottenburg-Stuttgart fällt. „Es fällt schwer, diese vielzitierte ‚Zeitenwende‘ in Worte zu fassen. Für uns als Kirche ist es wichtig, gerade in Krisenzeiten wie diesen die Kunst stark zu machen. Die Kunst bietet Wege an, sich in dem unbekannten und immer wieder unfassbaren Geschehen unserer Zeit auszudrücken, zu finden und zu orientieren – gerade auch dort, wo Worte dies nicht mehr vermögen.“
Mit einem Schritt zwei Kilometer Wegstrecke erzielen
Dementsprechend vielfältig sind die Werke auch in ihrer Darstellungsform. So zeigt Simon Pfeffel mit seiner Videoperformance „Mit einem Schritt“, mit der er einen der ersten Preise erzielen konnte, wie er die rund zwei Kilometer weite Strecke vom Stuttgarter Hauptbahnhof zu St. Maria mit nur einem Schritt zurückgelegt hat. „Dazu hat sich der Künstler das eine Bein nach oben gebunden und sich dann hüpfend und humpelnd durch die Königsstraße gekämpft“, berichtet Sebastian Schmid, Theologe und Kurator von St. Maria als, der neben neun weiteren Personen Teil der interdisziplinären Wettbewerbs-Jury war.
Schmid: „Simon Pfeffel war klar, dass er es ohne die Hilfe von Fremden nicht schaffen würde. Trotzdem hat er niemanden um Hilfe gebeten. Nur wenn sich die Stuttgarter Passanten und Passantinnen angeboten haben, ihn zu unterstützen, hat er sich tragen oder stützen lassen. In der Ausstellung sind Videoaufnahmen dieser eindrucksvollen Aktion zu sehen, in der er sich fremden Menschen ausgeliefert hat.“
Leitwort des Katholikentags steht auch für gemeinsam verletzlich sein
Die Leiterin des Diözesanmuseums in Rottenburg, Dr. Melanie Prange, die für den Wettbewerb verantwortlich und ebenfalls Jurymitglied war, freut sich, dass die Ausstellung nun während des Katholikentags eröffnet wird. „Zum Leitwort ‚leben teilen‘ des Katholikentags passen unsere Kunstwerke besonders gut, weil alle Menschen verletzlich sind, weil Verletzlichkeit geradezu das wesentliche Moment des menschlichen Daseins ist und Gott sich dieser Verletzlichkeit ausgesetzt hat. Gemeinsam sind wir verletzlich und besonders in der Gemeinsamkeit ebnen sich Wege zur Heilung. Das Motto des Katholikentags bringt wesentliche Gedanken unseres Wettbewerbs- und Ausstellungsthemas noch einmal auf den Punkt.“
Dass auch die Kirche selbst verletzlich ist, will Kriz Olbricht mit seinem Kunstwerk zeigen. Dafür hat er fünf Trennkeilgarnituren in die Wand von St. Maria geschlagen. Das handelt es sich um eine Art Nägel, die normalerweise Risse in Steinen erzeugen.
„Es hat viel Überzeugungsarbeit gekostet, bis der Künstler diese Trennkeile in die Wand der Kirche hauen durfte“, berichtet Schmid. „Allein die Vorstellung, es könnte ein Riss in der Kirchenwand entstehen, hat bei manchen fast schon Panik erzeugt. Am wenigsten Angst hatte die Gemeinde selbst.“ Der Kirchengemeinderat habe sofort verstanden, worum es Olbricht gehe. „Schließlich stehen die fünf Nägel im Altarraum für Fragen wie: Wie ernst nimmt die Kirche das Kreuz? Wagt sie es, sich selbst verletzlich zu machen? Riskiert sie die eigene Struktur, um sich auf die Seite der Verwundeten zu stellen?“, erläutert der Theologe weiter.
Ausstellung vom 27. Mai bis 24. Juli in Stuttgart zu sehen
Die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung dürfen sich auf neun weitere Kunstwerke freuen, die vom 27. Mai bis 24. Juli in St. Maria zu sehen sind. Dr. Prange freut sich, dass die ausgestellten Werke zu neuen Sichtweisen anregen: „„Die Diözese hat sich bewusst dafür entschieden, eine Frage zu formulieren und sich von den Antworten junger Kreativer herausfordern zu lassen – sich also verletzlich und offen zu machen. Ganz besonders vor dem Hintergrund, dass Kirche selbst für schlimmste psychologische und körperliche Verwundungen verantwortlich zeichnet. Kreative ernst zu nehmen und ihnen keine Vorgaben zu machen, ermöglicht eine ernsthafte Beschäftigung mit religiösen Gehalten, biblischen Texten und existentiellen Fragen. Die künstlerischen Resultate sind überraschend, inspirierend, deutungsoffen und zeugen von der Tiefe der Auseinandersetzung. Ein Ergebnis, das für die Zusammenarbeit und das Zusammenwirken von Kirche und Kunst zu betonen ist.“
Preisverleihung bei der Vernissage am 27. Mai
Die Preisverleihung des Vulnerable-Wettbewerbs findet bei der Vernissage der Ausstellung am Freitag, 27. Mai, um 19.30 Uhr mit Bischof Dr. Gebhard Fürst und den Mitgliedern der Jury in St. Maria statt. Dort wird auch ein Teil der Kunstwerke bis Sonntag, 24. Juli, ausgestellt.
Zusätzlich wird es zwischen dem 19. Juni und dem 28. August eine Tandemausstellung im Diözesanmuseum Rottenburg mit dem anderen Teil der prämierten Werke geben. Die Vernissage dieser Ausstellung mit Weihbischof Dr. Gerhard Schneider beginnt am Sonntag, 19. Juni, um 15 Uhr.
Weitere Informationen finden Sie online: https://dioezesanmuseum-rottenburg.de/vulnerable-preistraegerinnen/
Glauben formen, Pracht gestalten
Wie durch Stoffe und Kleidung theologische Inhalte vermittelt werden, darum geht es in der dieser Ausgabe von „Alpha und Omega“.
Kleider machen Leute – und erzählen manchmal auch etwas über den Glauben der Menschen. Das ist Thema einer großen Mode-Ausstellung im Diözesanmuseum in Rottenburg am Neckar – und in „Alpha & Omega – Kirche im Gespräch“.
Prächtige Gewänder von Heiligen sind auf vielen Bildern zu bestaunen. Wie durch diese Stoffe theologische Inhalte vermittelt werden und Textilien das Heilige sozusagen greifbar machen, berichtet die Museumsleiterin Melanie Prange.
In Kooperation mit der Hochschule Pforzheim gestalteten außerdem für die Ausstellung Mode-Studierende zu bestimmten Kunstwerken eigene Kollektionen sowie liturgische Gewänder der Zukunft. Dabei wird deutlich, dass Religion und Mode vieles gemeinsam haben, wie die Pforzheimer Professorin Sybille Klose in der Sendung erläutert.
Sendung ansehen
Die von KiP-TV produzierte Sendung „Glauben formen, Pracht gestalten“ wurde erstmals am 30. April 2022 ausgestrahlt. Diese und weitere Folgen von „Alpha und Omega“ finden Sie auf dem YouTube-Diözesanmuseumskanal.
Im Gespräch über sakrale Kunst und textile Botschaften: Prof. Sybille Klose von der Pforzheimer Fakultät für Gestaltung, Dr. Melanie Prange, Leiterin des Rottenburger Diözesanmuseums, und Moderator Christian Turrey.
Bild: KiP-TV
9. Rottenburger Kulturnacht
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Adoratio - ein Ausstellungsrückblick
Schlussansprache zur Finissage von Dr. Melanie Prange
Liebe Besucherinnen und Besucher des Diözesanmuseums,
der schwarze König an der Krippe war das Thema unserer diesjährigen Weihnachtsausstellung. Ein Thema, das aus heutiger Perspektive Fragen aufwirft, und das wir auf möglichst vielfältige Weise betrachtet haben.
Ausgangspunkte hierfür waren die Gemälde unserer Sammlung: drei mittelalterliche Darstellungen und drei barocke Bildwerke.
Sie erhielten in unserer Dauerausstellung eine neue Akzentuierung durch die Einbringung in farbige Nischen. Vor dem frischen Grün fingen die Bilder neu zu leuchten an, was noch einmal verdeutlicht, dass diese Kunst für ein farbiges Umfeld gedacht war.
Ergänzt wurden unsere historischen Darstellungen durch ein prominentes modernes Werk: Das Dreikönigsbild von Otto Dix aus dem Museum am Dom in Würzburg. Das Konzept, unsere alten Kunstwerke mit modernen Interpretationen ins Gespräch zu bringen, werden wir zukünftig unter dem Begriff der „Intervention“ weiter verfolgen. Denn es zeigt, wie sich die künstlerische Sicht auf Dinge im Laufe der Jahrhunderte verändert hat, aber auch was über die Zeit tradiert wurde und was bis heute zu unseren Sehgewohnheiten gehört. So fällt auf, dass Otto Dix, der Vertreter der neuen Sachlichkeit, in seiner Spätphase wieder zu traditionellen christlichen Themen zurückfand und diese in einer expressionistisch-visionären Bildsprache umsetzte.
Wie stellen die Bildwerke nun den schwarzen König dar?
Eine wesentliche Erkenntnis unserer Ausstellung ist, dass wir jede bildliche Interpretation im Detail betrachten müssen. Denn selbst, wenn Kunstwerke aus der gleichen Epoche und derselben Region stammen, lassen sich trotz fester ikonographischer Formeln doch feine Unterschiede finden, die eigene Akzente setzen und auch vom schwarzen König jeweils ein individuelles Bild zeichnen.
In der ersten Anbetung, entstanden im Schwaben des
15. Jahrhunderts, wird die Szene vor einem prächtigen Goldgrund dargestellt. Wir üblich hat sich der älteste und weiseste König niedergekniet, während die jüngeren stehen. In dieser Darstellung fällt auf, dass beide jungen Könige exotische Motive aufweisen. Der Mittlere trägt unter seiner Krone eine phrygische Mütze, also eine Kopfbedeckung, die in der Antike von dem indogermanischen Volk der Phryger getragen wurde und die in den frühesten Darstellungen der drei Könige als deren Herkunftsnachweis zu finden ist. Der bartlose König ganz rechts trägt einen Turban mit langem Tuch sowie einen aufwändigen Dolch. Seine Hautfarbe ist nicht schwarz, sondern braun, weswegen der König als Orientale gedeutet werden kann. Diese bildliche Umsetzung verdeutlicht, dass die drei Könige nicht immer pauschal als Repräsentanten der im Mittelalter bekannten Kontinente – Europa, Asien und Afrika – gedeutet werden können. Vielmehr scheint es hier darum gegangen zu sein, zum einen der Andersartigkeit der Könige, zum anderen ihrer Herkunft aus dem Osten bildlich Ausdruck zu verleihen.
Eine beeindruckende, von der Kunst Martin Schongauers beeinflusste Anbetungsszene stellt im Hintergrund eine mittelalterliche Stadt dar, die das Geschehen in die Gegenwart der Betrachter holte, wie auch die Gewänder der beiden jüngeren Könige. Sie zeigen im Gegensatz zur zeitlosen Figurengruppe links mit Maria, Jesus und dem alten König, eindeutig Details burgundischer Hofmode. Die Lebensalter sind hier sehr deutlich voneinander abgesetzt. Der jüngste König besitzt hier eine schwarze Hautfarbe. An seiner Seite hängt ein großes Krummschert, das jedoch in Anbetracht der kindlichen Gesichtszüge kaum als bedrohliche Waffe wahrzunehmen ist.
Wieder anders erscheint der schwarze König im Bild des Meisters des Riedener Altars. Uns begegnet ein junger Mann von imposanter Statur und mit schönem, maskulinem Gesicht. Er trägt eine Rüstung und legt seine Hand selbstbewusst auf den Knauf seines Schwertes – als wolle er sich in Anbetracht des neuen Königs seiner Stärke und Macht rückversichern. Mit Körperpose, Waffenausstattung und Rüstung repräsentiert dieser König am deutlichsten den spätmittelalterlichen Adel. Er schlug als erkennbarer Zeitgenosse eine Brücke zwischen den Betrachtern und dem heilgeschichtlichen Bildinhalt und diente dem Künstler zugleich als Möglichkeit, Luxus, Sinnlichkeit und Fernweh auf eindrucksvolle Weise zu schildern.
In einer ruinösen antiken Architektur zeigt ein barockes Flügelaltärchen aus den Niederlanden die adoratio. Anders als noch im Mittelalter ist die Bildkomposition nicht mehr linear. Die Könige stehen nicht in einer Reihe, sondern sind um die Heilige Familie herum gruppiert. Ihr Altersunterschied ist längst nicht mehr so deutlich herausgearbeitet wie in den älteren Werken und alle drei tragen Waffen. Aber auch hier gibt es noch einen König mit dunkler Hautfarbe. Er ist dem Betrachter zugewandt und führt ein großes Gefolge an, dem er den Weg zum Heiland weist. Kompositorisch zeigen alle Zepter der Könige auf das Jesuskind, den neuen Herrscher der Welt.
Auch das zweite Gemälde des 17. Jahrhunderts stellt den schwarzen König als Anführer eines Gefolges dar. Im Gegensatz zu den anderen Anbetungen der Ausstellung hat dieses Bild trotz seiner frohen Botschaft jedoch auch etwas Beklemmendes und in Teilen Bedrohliches. So ist in der linken, unteren Bildecke ein bellender Hund dargestellt, das Königsgefolge ballt sich zu einer undurchdringbaren Menschengruppe zusammen, die das Kind durchaus kritisch beäugt. Eventuell wollte der Künstler schon weitere Szenen aus dem Leben Jesu thematisieren; zumindest erinnert die Darstellung in mancherlei Hinsicht an die Gefangennahme Jesu. Für unsere Fragestellung interessant ist, dass sich genau über dem schwarzen König drei Lanzen erheben und es seine Person ist, in der die militärischen Anspielungen im Bild ihren Höhepunkt finden.
Kann man also sagen, dass die Darstellungen des schwarzen Königs im Zuge des Kolonialismus seit dem 17. Jahrhundert tendenziell negativer wurde? Zweifellos gibt es diese Tendenzen, aber pauschalisieren lässt sich auch hier nichts. Denn die Interpretation von Johannes Zick aus dem Jahr 1748 verleiht dem schwarzen König wieder eine positive und wichtige Rolle im Bild. Er dient dem Betrachter als Mittlerfigur und führt ihn auf das Geschehen im Stall hin, das hier durch Wolkenbänke und Putten die Anmutung einer himmlischen Vision erhält. Durch Lichtführung, Blicke und Berührungen sind alle Personen innig miteinander verbunden und es ist der schwarze König, der auch uns an diesem Geschehen teilhaben lässt.
Nicht nur der Farbkanon seinen Bildes lässt vermuten, dass Otto Dix derartige Bilder wie jene von Johann Zick vor Augen standen, als er seine Anbetungsszene malte. Auch sie vermittelt uns den Einblick in das innige Miteinander der Personen und in eine eigene, überirdische Sphäre. Und auch Dix verweist schon auf das, was auf die Geburt des Messias folgte, denn die Geschenke der Könige tragen bereits das Kreuz als Bekrönung.
Dieser kurze Gang durch die Ausstellung zeigt, wie wichtig es ist, die Kunstwerke vor dem Hintergrund ihrer Zeit zu deuten und immer differenziert zu betrachten.
Ihnen allen noch einmal herzlichen Dank für Ihren Besuch und Ihr Interesse an unserer Ausstellung „adoratio. Der schwarze König an der Krippe“.
Ihre Melanie Prange

Rückblick auf das Begleitprogramm von Dr. Daniela Blum
Das Begleitprogramm zu unserer Weihnachtsintervention war vielfältig. Wir hatten neben der Kinderführung und dem Frauengespräch drei Veranstaltungen, die verschiedene Perspektiven auf das Thema des schwarzen Königs an der Krippe geworfen haben. Der Historiker Dr. Christoph Mauntel hat am Dreikönigstag über die Heiligen Drei Könige im Mittelalter referiert, der Philosoph und Theologe Dr. Sebastian Pittl hat postkoloniale Perspektiven auf das Thema entwickelt und schließlich gab es am vergangenen Sonntag ein Gespräch mit dem ehemaligen Präsidenten des Kindermissionswerks Die Sternsinger, Dr. Klaus Krämer und einem afrikanischen Priester, Dr. Gonzaga Lutwama Mayanja. Unsere Erkenntnisse fasse ich in drei kurzen Abschnitten zusammen:
- Der schwarze König ist anders.
Schon früh hat die christliche Deutung aus den Sternsingern aus dem Osten, von deren Besuch der Evangelist Matthäus erzählt, Könige gemacht, und zwar drei. Die christliche Traditionsbildung hat die drei Könige mit drei Kontinenten, also mit der ganzen damals bekannten Welt, identifiziert; mit der Völkerwallfahrt zum Zion, die das Alte Testament verheißt; aber auch mit den drei Söhnen Noahs, von denen einer, Cham, vom Vater verflucht wurde. Diese drei bilden in der mittelalterlichen Tradition eine Varianz ab, drei Lebensalter, drei verschiedene Kleidungsstile. Der hinterste König war in dieser Varianz noch einmal anders, er hat in der deutschsprachigen Kunst seit dem 15. Jahrhundert eine dunkle Hautfarbe. Aber auch in anderen Ländern war er gerne derjenige, der exotisch dargestellt wurde, in der italienischen Kunst etwa hatte er gerne blondes Haar und blaue Augen – im Gegensatz zu seinen braunhaarigen Kollegen. Der schwarze König war in der spätmittelalterlichen Kunst das fashion victim: Er trug elegante burgundische Hofmode und Waffen. Insofern bildete er die spätmittelalterliche Adelswelt am eindrücklichsten ab, ohne Waffen nämlich hätte kein Adeliger seinen Hof verlassen. Der Schwarze war insofern und erstaunlicherweise der am besten inkulturierte König innerhalb des Herkunftsmilieus dieser Bilder.
- Es hängt viel davon ab, wie man Andersheit, Alterität deutet.
In dem schwarzen König kann man viele Traditionslinien erkennen. Im 19. Jahrhundert gab es in Amerika die Tradition, einen Mitspieler im Kabarett schwarz zu schminken. Als eine Art Clown und Tollpatsch trat er auf der Bühne auf. Diese Verulkung schwarzer Menschen steckt hinter dem Vorwurf des Blackfacing, ein Vorwurf, der auf manchen schwarzen König in Krippen und Bildern aus der Kolonialzeit durchaus zutrifft. Auch der schwarze Piet, der niederländische Begleiter des Nikolaus und eine Art gewaltbereiter Knecht Ruprecht, wurde schwarz und mit roten Lippen geschminkt. Man muss diese schwierigen Traditionslinien aber nicht im schwarzen König an der Krippe sehen. Vielmehr gibt es, wie ich dargestellt habe, eine jahrhundertealte Tradition in der christlichen Kunst, die unterschiedliche Menschen an der Krippe versammelt wissen will. Diese integrierende, einladende Geste, also eine positive Deutung von Andersheit, sollten wir neu lesen lernen. Dort aber, wo Darstellungen rassistisch sind oder die Traditionsbildung problematisch, etwa in der Identifizierung des schwarzen Königs mit dem verfluchten Sohn Noahs, sind sie als solche zu benennen und zu diskutieren.
- Menschen sind mehr als ihre Hautfarbe, Kunst ist mehr als Hautfarbe.
Wir haben viel über Hautfarbe in dieser Ausstellung gesprochen und dabei festgestellt, dass sie in der Debatte um den schwarzen König manchmal verabsolutiert wird, und zwar von beiden Seiten. Wo ein linker Diskurs aus dem angloamerikanischen Milieu den Blackfacing-Vorwurf erhebt und jede Form eines dunkelhäutigen Königs als rassistisch versteht, fokussiert sie genauso auf die Hautfarbe wie die rechtskonservativen Stimmen, die auf dem Erhalt jeder europäischen Traditionslinie bestehen, selbst da, wo sie rassistisch gemeint war und heute als solche erkennbar ist. In afrikanischen Krippen wiederum, da haben wir gelernt, sind oft alle Krippenbesucher schwarz, nur Jesus und Maria sind meist weiß. Eine Fokussierung auf die Hautfarbe allein macht keinen Sinn. Auch hier darf es Unterschiede geben, so wie Menschen unterschiedliche Hautfarben haben.

Finissage | »To Know A Form, You Have To Work It«
Künstler: Frederick D. Bunsen
Referent: Prof. Dr. Dirk Baecker, Lehrstuhl für Kulturtheorie und Management, Universität Witten/Herdecke
Eine Aufzeichnung der Online-Finissage können Sie hier direkt auf unserer Seite oder im Youtube-Kanal des Diözesanmuseums Rottenburg ansehen.

„Ante saecula“ – Liturgische Musik aus dem frühen Mittelalter
Zur Finissage der Ausstellung „In unserer Erde. Grabfunde des Frühen Mittelalters im Südwesten“ präsentiert die Schola Cantorum am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Tübingen unter Leitung von Prof. Dr. Stefan Morent im Livestream ein kleines Programm, das ursprünglich zur musikalischen Umrahmung der Vernissage der Ausstellung vorgesehen war.
Zwar ist aus der Zeit der Grabungsfunde aus dem frühen Mittelalter keine direkte schriftliche musikalische Überlieferung erhalten, der Prozess der einsetzenden Christianisierung führt aber auch im deutschen Südwesten schnell zur Etablierung religiöser Zentren, wie dem Inselkloster Reichenau im Bodensee oder dem Kloster St. Gallen. Aus ihnen stammen auch mit die frühesten musikalischen Quellen zum liturgischen Gesang, dem so genannten Gregorianischen Choral, die sowohl die Feier der Messe als auch des Stundengebets prägten und strukturierten.
Die Kontaktflächen zwischen heidnischen Traditionen und Christianisierung reflektiert das „Georgslied“, das in althochdeutscher Sprache zwar das Vorbild des Heldenepos erkennen lässt, es aber christlich überformt. Es entstand wohl nicht auf der Reichenau, korrespondiert aber mit der Verehrung des Heiligen dort.
Nach St. Gallen führt zum Schluss die Weihnachtssequenz von Notker Balbulus, dem „Stammler“, der dort als wortmächtiger Dichter-Musiker im späteren 9. Jh. wirkte.
Künstler
Schola Cantorum
am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Tübingen
Ltg.: Prof. Dr. Stefan Morent
Sänger: Michael Braunger, Alexander Goossenns, Stefan Morent, Samuel Schick, Tilo Schmid-Sehl, Janis Tortora

Programm
- Introitus Statuit ei dominus
- Kyrie in summis
- Georgslied
- Alleluia Dies sanctificatus
- Notker Balbulus (840–912): Sequenz Natus ante saecula
(sämtliche Transkriptionen und Arrangements aus den mittelalterlichen Handschriften von Stefan Morent)
Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
Eine Aufzeichnung der Online-Finissage können Sie hier direkt auf unserer Seite oder im Youtube-Kanal des Diözesanmuseums Rottenburg ansehen.
Kapellengespräche












